Wolfgang Schober

Es war doch erst gestern !

Es war im Jahre 1958, als mein Vater aus unerfindlichen Gründen einen Baukasten eines Modellflugzeuges erwarb, obwohl er eigentlich passionierter Modelleisenbahner war. Wahrscheinlich hatte ihm damals das Design der Electra imponiert, die von der Firma Graupner angeboten wurde. Es war ein abgestrebter Kabinenhochdecker mit einer rundum verglasten Kabine, der durch einen 2,5 ccm Dieselmotor angetrieben wurde.  Der Einbau einer Fernsteuerung war zwar vorgesehen, aber für den Normalverbraucher unerschwinglich. Sie bestand aus einem 1-Kanal-Tipp-Sender und einem Röhrenempfänger, der durch 2 Batterien und einen Bleiakku betrieben wurde. Das Servo wurde über einen verdrillten Gummistrang aufgezogen und drehte sich über einen Schaltstern nur in eine Richtung. Im Klartext: 1 Impuls = Seitenruder rechts, ein weiterer Impuls = Ruder wieder neutral, wieder ein Impuls = Seitenruder links, wieder ein Impuls = Seitenruder neutral ….usw. Die damaligen Modelle besaßen durchwegs geräumige Rümpfe, da die Elektronik enorm viel Platz benötigte. Die Reichweite und Zuverlässigkeit der Fernsteuerungen war bescheiden und von einer Trimmung der Ruderfunktion konnte noch nicht einmal geträumt werden.

Mein Vater war also kein Modellflieger und trotzdem baute er dieses wunderschöne Modell und die leuchtenden Augen seiner beiden Söhne haben ihn dabei begleitet. Es war ja kein Baukasten im heutigen Sinn, sondern eher eine Werkstoffpackung mit sehr detaillierten Bauplänen. Es war damals schon ein Fortschritt, dass viele Teile auf das Balsa- bzw. Sperrholz aufgedruckt waren und man sie nur mehr aussägen musste. Es hat jedenfalls lange gedauert, bis das Modell fix und fertig auf den Rädern stand. Der 2,5er Taifun Tornado wurde auch noch angeschafft, aber zur Fernsteuerung reichte es dann nicht mehr. Und so stand das Modell dann viele Jahre gut geschützt ganz oben in der Stellage im Bastelraum.

Im Jahre 1966 wurde dann auf Beschluss des Familienrates eine sündteure und schon etwas modernere Fernsteuerung angeschafft: Eine 4-Kanal Tippanlage der Firma Grundig mit dem klingenden Namen Varioton/Variophon im Vertrieb der Firma Graupner. Die Kosten von 4.000,- Schilling wurden gleichmäßig verteilt auf uns 2 Söhne und unseren Vater, der uns auch in Zukunft immer wieder finanziell unter die Arme griff. Der Verkäufer in Fachgeschäft empfahl uns dringend, auch einen Anfängersegler wie den Amigo anzuschaffen, um damit die ersten Schritte im ferngesteuerten Modellflug zu wagen. Doch dieser Rat wurde von meinem Bruder Charlie und mir in den Wind geschlagen, denn wir hatten ja schon ein einsatzfähiges Flugmodell – die Electra unseres Vaters. Und es kam wie es kommen musste: die nächsten 2 Jahre sind wir immer etwa 10 Sekunden geflogen und mussten dann wieder 4 Wochen in die Werkstatt, um die Bruchstücke zusammen zu flicken. Wir waren davon überzeugt, dass unsere nicht vorhandenen Flugkünste nur ein Teil der Ursache unserer Abstürze waren. Deshalb hatten wir im Laufe der Zeit die skurrilsten Ideen, um die Flugeigenschaften unsere Electra zu verbessern. Es wurde beispielsweise die Spannweite vergrößert, um nach dem nächsten Crash aus den Trümmern einen Doppeldecker zu bauen. So richtig geflogen sind wir die Electra aber nie! Erst nach dem Bau eines Anfängerseglers ging es mit den Flugkünsten bergauf und die Reste unserer Electra verschwanden in den unendlichen Weiten unseres Bastelraumes.

Das Jahr 2020 rückte näher, und wenn ich mich an die alten Zeiten erinnerte kam immer wieder unser erstes Modell – die Electra – in den Focus. Mein Bruder sollte seinen 70er feiern, und was lag näher, als die Electra neu aufzulegen, um ein würdiges Geburtstagsgeschenk machen zu können. Die Baupläne gibt es bei Modellbau Kirchert und der Rest ist für einen geübten Modellbauer kein Problem. Natürlich konnte ich es mir nicht verkneifen ein paar „Verfeinerungen“ anzubringen. Das Äußere blieb nahezu unverändert bis auf die nicht vorhandenen Flügelstreben und eine geringere V-Form. Aber im Inneren habe ich mich ausgetobt und die Electra mit modernster Elektrik/Elektronik ausgestattet und außerdem habe ich auch die aerodynamische Auslegung angepasst. So wurde das Profil von Tragflügel und Höhenleitwerk verändert, eine Flächenverwindung eingebaut, das Bugfahrwerk wurde mit einem Servo lenkbar gemacht und ein Elektroantrieb installiert. Die Größe und die Optik blieben unverändert, aber die Electra steht nun als vollwertiger 3-Achs-Trainer auf dem Fahrwerk.

Techn. Daten

Spannweite              140cm

Rumpflänge             90cm

Tragflächeninhalt    26qdm

Gewicht                     1,3 kg

Antrieb                    AXI 2217-16

Akku                       Lipo 3s (1200 bis 2200mAh)

Luftschraube            10x4 oder 10x6

 

Die Electra wurde von mir eingeflogen und anlässlich der Geburtstagsfeier meines Bruders am Segelflugplatz von Mariazell übergeben. Etwa 60 Jahre liegen zwischen  unserer ersten Begegnung und der Neuauflage mit diesem außergewöhnlichen Modell. Wo ist die Zeit geblieben ?

 

Foto 1 Baukasten,

hier ein Foto der original Werkstoffpackung der Firma Graupner aus dem Jahre 1958

 

Foto 2 Rohbau:

Damals war man bestrebt durch eine filigrane Leichtbauweise das Gewicht des Modells trotz der schwere Zuladung der Fernsteuerung gering zu halten. Es wurde eine Gesamtflächenbelastung von 40g/qdm angestrebt um zahme Flugeigenschaften bei geringer Geschwindigkeit zu erreichen. Kunststoffe oder gar GfK waren noch ein Fremdwort.

 

3 fertig:

Es gibt viele schöne Fotos von diversen Ansichten – bitte auswählen.

 

4 Flug:

Da man sich ja im Flug nicht selbst fotografieren kann, bin ich auf Bilder von Freunden angewiesen. Deshalb ist diesmal die Qualität nicht ganz so hoch und auch das Wetter hatte nicht so richtig mitgespielt.

 

5 Einst 1958 und heute 2020:

60 Jahre liegen dazwischen die von beiden Brüdern mit Modellflug ausgefüllt waren.

Die Position der beiden ist bei beiden Fotos gleich: rechts Wolfgang, links Charlie