Franz Wutzl | 08.08.2018

Marco, … Wer? - Oder ein Märchen aus 1001 Pußta

„Wer fliegt denn heuer bei Euch in der F1A-Mannschaft?“ wurde ich bei meiner Ankunft zu der Freiflugeuropameisterschaft 2018 in Szentes (Ungarn) von den deutschen Modellflugkollegen gefragt. Ich sagte „Gerd, ich und Marco!“.  „.......  Marco – wer?“ wurde sofort nachgehakt, da Marco Bierbauer bislang international noch völlig unbekannt war, was sich noch gründlich ändern sollte, aber erst einmal der Reihe nach.

Bedingt durch einige Absagen qualifizierter Piloten schrumpfte das Team auf  je einen F1A – bzw. F1C Piloten  und 2 für F1B zusammen. Dadurch wurde dem jungen, national sehr gut fliegenden, Marco Bierbauer aus Fürstenfeld die Möglichkeit geboten sich international zu profilieren. Als dann noch Reinhard Truppe krankheitsbedingt absagen musste, wurde uns vom Veranstalter der Vorschlag unterbreitet zwei F1C-Piloten nachzunennen, da für Reinhard leider kein Startgeld retourniert werden konnte. Luca Aringer war sofort bereit den vakanten F1C-Startplatz zu nutzen, lediglich Gerd hatte keine Möglichkeit mehr in der kurzen Zeit ein F1C- Modell an den Start zu bringen. Nach Rücksprache mit dem Veranstalter, der sich dieses Jahr besondere Mühe gab, durften wir  Gerd in F1A nennen und hatten dadurch eine vollständige Mannschaft in dieser Klasse zur Verfügung.

Die österreichische F1A-Mannschaft nutzte den traditionellen Weltcup-Vorbewerb (Herend-Cup) auf dem EM-Gelände zum Training und konnte mit dem 3. Platz von Gerd Aringer schon im Vorfeld einen schönen Erfolg verbuchen. Wir sammelten auch die Erfahrung, das die sommerliche Thermik manchmal brutale Dimensionen annehmen kann, so wurde z.B. ein Modell von mir mit offene Thermikbremse derartig unsanft gegen den Boden geschleudert, das der Carbon-Rumpf vor der Tragflächenbefestigung 3 mal gebrochen ist. Wir konnten das Modell aber in einer Nachtschicht und dank den großartigen Laminier-Fähigkeiten von Marco wieder rechtzeitig zur EM fertigstellen.

Seitens der Veranstalter bemühte man sich dieses Jahr sehr alle notwendigen Events dieser Veranstaltung auf Grund der zu erwarteten Temperaturen kurz und erträglich zu halten. So dauerte das Meeting der Teammanager gerade einmal 20 Minuten und handelte sich im Wesentlichen nur  um die Modellrückholung und den erstmaligen Einsatz von Höhenmessern bei strittigen Situationen in etwaigen Fly Off Durchgängen zur Verifizierung der tatsächlich geflogenen Zeit.

Da es im Vorjahr mehrere Probleme mit motorisierten Modellrückholung gegeben hatte, wurde heuer bereits vor der Veranstaltung darauf hingewiesen, dass auf dem Gelände striktes Fahrverbot für alle motorisierten Fahrzeuge besteht und etwaige Verstöße dagegen bedingungslos geahndet würden. Das Fluggelände ist ein Naturreservat und soll dem Freiflugsport noch längere Zeit erhalten bleiben.

23.7.2018 – Eröffnung

Die Ansprachen bei der Eröffnung waren ebenfalls kurz gehalten, aber das abschließende Feuerwerk war hingegen ausgiebig und sehr imposant.

23.7.2018 – Bauprüfung

Die Bauprüfung fand im Festsaal eines Reiterhofes in der Nähe von Szentes statt, in dem auch alle offiziellen Events abgehalten wurden. Wir waren die ersten an diesem Tag und man merkte deutlich, dass sich auch die Veranstaltern erst langsam an die Abläufe gewöhnen mussten.

24.7.2018 – Trainingstag

Auf Grund des starken Windes verzichteten wir auf das Training um die Modelle nicht zu gefährden.

25.7.2018 – F1B Tag

75 Teilnehmer aus 26 Nationen stellten sich an diesem Tag den teilweise schlechten Bedingungen. Schon im ersten Durchgang wurde die Maximalzeit mit 3 Minuten festgelegt, weil der böige Wind mit durchschnittlich 8m/s große geflogene Distanzen befürchten lies. Bei den Österreichern erzielte Dietmar Piber im ersten Flug ein schönes Max und bei Harald Meusburger schlug bereits da der Defektteufel zu. Zeitschalterprobleme zwangen ihn ein anderes Modell zu nehmen, das den sehr böigen Bedingungen dann letztendlich nicht gewachsen war.

Dietmar kämpfte 3 Runden lang sehr erfolgreich gegen die Elemente, hatte aber dann Pech. Zuerst verpasste er die Maximalzeit nur knapp um 17 Sekunden und war anschließend beim nächsten MAX durch einen Flügelbruch bei der Landung ebenfalls gezwungen das Modell zu wechseln. Nachdem dann auch noch bei diesem das Leitwerk beim Bremsen beschädigt wurde, war auch er aus dem Rennen. Die Organisation hatte mit der umsichtig agierenden Jury inzwischen die Pausen zwischen den Durchgängen erhöht und schließlich zu Mittag den Wettbewerb für eine Stunde unterbrochen. Das an diesem Tag dennoch 20 Piloten das Fly Off erreichten zeigt auf welch hohem Niveau inzwischen geflogen wird. Gegen Abend schlief dann der Wind innerhalb einer Stunde ein, so dass die Fly Off-Durchgänge sogar noch an diesem Tag geflogen werden konnten. Europameister wurde mit einer Zeit von 427 Sekunden im 2. Fly Off Albert Bulatov (RUS) vor Svetozar Gostojic (SRB) 396 und Pavel Lomov (RUS) mit 358 Sekunden.  In der Mannschaftswertung siegte Serbien vor Lettland und Polen.

26.7.2018 – F1A Tag

Auch dieser Wettbewerbstag war schon in den Morgenstunden von immer stärker werdendem Wind geprägt. Allerdings konnte hier die Maximalzeit noch mit 4 Minuten im ersten Durchgang festgelegt werden. Harald Meusburger übernahm von mir an diesem tag die Rolle des Mannschaftsführers, damit ich mich auf das Fliegen konzentrieren konnte. Bei uns erreichte Gerd Aringer erst einmal locker die geforderte Zeit, an der dann später sowohl ich als auch Marco Bierbauer knapp scheitern sollten. Diesem Umstand war es wohl zu verdanken, dass wir ruhig und mit Übersicht weitergeflogen sind, weil wir nicht mehr verbissen um ein Fly Off Platz kämpfen mussten und daher eine nicht unerhebliche Nervenanspannung weg war. Ab da flogen wir eine Maximalzeit nach der anderen obwohl die Bedingungen immer ruppiger wurden und sich die Hochstarts immer schwieriger gestalteten. Bis wir dann erfuhren, das wir, sollten wir im letzten Durchgang alle „Voll“ fliegen Vize-Europameister in der Mannschaft wären. Und plötzlich war sie weg, die Lockerheit. Noch dazu war mein bisher eingesetztes Modell nach einem 600m hohem und 3.7 km weiten Flug nicht mehr rechtzeitig verfügbar und ich musste wohl oder übel meinen neuen Flapper einsetzen, mit dem ich noch wenig bis gar keine Erfahrung hatte.

Das Gerd dann noch mit 182 Sekunden äußerst knapp die geforderte Zeit schaffte war schon einmal gut. Dann schlug die Stunde für Marco. Plötzlich spürten wir auch das rege Interesse, welches sich um unsere Startstelle regte, es ging also wirklich um was. Mit bewundernswerter Ruhe schleppte unser Teambaby sein Modell zu einem souveränen und Max, da blieb dann nur noch eins zu schaffen. Ich denke Gerd war nervöser als ich, trotzdem ließ er sich kaum was anmerken. Dann der Moment der Wahrheit. In einer etwas ruhigeren Phase gab Gerd das Modell frei und ich merkte schon beim Hochziehen, es geht! Einen Kreis noch an der Leine und dann laufen was das Zeug hält  und Start. „97 Meter laut GPS“ schreit mir Gerd erleichtert zu „das sollte Reichen!“. Und tatsächlich – das Modell erledigt mit einem etwas unruhigen Flug die geforderten 3 Minuten, die uns in der Endwertung den 2. Platz sicherten. Und wieder schlief der Wind ein, dieses Mal aber um mit einem kräftigen Regenschauer die staubige Pußta in eine Schlammgrube zu verwandeln. Trotzdem konnten auch an diesem Tag die Fly Off's noch geflogen werden in denen Gerd Aringer den 12 Platz erreichte. Europameister wurde Per Findahl (SWE) mit 307 Sekunden im 2. Fly Off vor Luka Biteznik (SLO) mit 281 Sekunden. Der 3. Platz ging mit Anders Persson wieder an Schweden. Schweden sicherte sich auch mit 3x7 Maximalzeiten den Europameistertitel in der Mannschaft vor Österreich und Slovenien.

27.7.2018 – F1C Tag

44 Piloten aus 20 Nationen starteten an diesem Tag bei wirklich guten Bedingungen um einen Sieger zu ermitteln. Im ersten Durchgang waren 4 Minuten gefordert, die unser einziger Pilot Luca Aringer sicher nach Hause flog. Die Folge waren gute Flüge bis zur 5. Runde in der er sich leider von kleinen Problemen bei der Motorabstellung aus der Konzentration bringen ließ. Der verworfene Letzte Start war dann schon weniger von Bedeutung. Trotzdem hat Luca einmal mehr sein Talent für den Freiflugsport unter Beweis gestellt.Europameister in F1C wurde Alexander Vyazov (RUS) mit 480 Sekunden im 2. Fly Off vor Arunas Grasys (Litauen) 468 und Volodomyr Sychov mit 445 Sekunden. Die Mannschaftswertung sicherte sich die Ukraine vor Serbien und Russland.

28.7.2018 – Siegerehrung

Bei der abschließenden Siegerehrung wurde noch einmal alles besprochen und ausgiebig gefeiert bevor es an die Heimreise ging.

Wilhelm Kamp, unser österreichisches Jury-Mitglied gratulierte uns mit den Worten:

„Man hat deutlich gesehen, dass man eigentlich nicht mehr besser fliegen kann, als man es hier von den Top-Nationen gesehen hat, das einzige Kriterium ist es, weniger Fehler zu machen als die anderen, und das habt ihr diesmal sehr gut hinbekommen!“