Ein Erlebnisbericht von Wolfgang Oppelmayer

Sonnenenergie pur- das lautlose Abenteuer

Die Zugvögel fliegen mit der Kraft der Sonne über Kontinente, die Segelflieger weit übers Land.

Seit  47 Jahren bin ich Segelflieger, es ist die Quelle meiner Kraft und die Freude meines Lebens.

Klare Nacht wolkenloser Himmel am Morgen. Es sind sehr gute Segelflugwetterbedingungen in den Alpen zu erwarten.

Arktische Kaltluft fließt aus Nord Osten in den Alpenraum. Die  Sonne heizt die klare kühle Luft auf, sie wird wärmer und leichter. Ab 9.00 Uhr  beginnt sie an den heißesten Stellen aufzusteigen. In 2000 Meter ist die Luft so weit abgekühlt, dass die Feuchtigkeit der Luft kondensiert. Es bildet sich die bekannte weiße Schönwetterwolke, genannt Kumulus. Sie ist das Endprodukt des Aufwindes.

Diese aufsteigenden feuchten Warmluftmassen, feuchte Luft ist  leichter als trockene, befördern pro Aufwind ca. 80.000 Tonnen Luft nach oben. Das ist die Klimaanlage unserer Erde und der Energiespender für uns Segelflieger. Durch das Aufsteigen der feuchten Warmluft wird kalte Luft aus großen Höhen nach unten gesogen und erlaubt uns das Überleben auf der Erde. Ohne diesen Zirkulationsvorgang würden wir verschmoren.

In diesen aufsteigenden Luftmassen, Thermik genannt, die man sich wie einen riesigen Warmluftballon ohne Hülle vorstellen kann, kreisen wir Segelflieger und steigen wie die Adler mit nach oben. Die so gewonnene Höhe erlaubt uns von Aufwind zu Aufwind zu segeln und weite Strecken zu fliegen.

Moderne Segelflugzeuge können aus 1000 Meter Höhe rund 50 Kilometer weit im Gleitflug zurücklegen.

Mit einem eigenstartfähigen Segelflugzeug starte ich um 09.00 h am Flugsportzentrum Spitzerberg. Ich fliege südlich des Leitha-Gebirges mit dem ausgefahrenen Triebwerk Richtung Rax-Alpe. Hier stelle ich in 1600 Meter um 9:45 h das Triebwerk ab, fahre es ein und das Segelflugabenteuer beginnt.

Ich kämpfe mit dem ersten noch schwachen Aufwind, er ist noch nicht mächtig genug um einen Vollkreis im Steigen zu fliegen. Es geht auf und ab wie auf der Hochschaubahn.  Nach 10 Minuten habe ich in 2.100 Metern das kleine kaum sichtbare Wölkchen, das den Aufwind markiert, erreicht. Ich fliege Richtung Heukuppe zum Westende der Rax.  Der Wind kommt leicht aus NO, und so erzeugt die Felskante des Südhanges einen Abwind. Mit hoher Geschwindigkeit  flüchte ich übers Preiner-Gscheit  zur Schneealm. An der Ostseite, kapp am Hang finde ich steigen. Den Ventus (Flugzeugtype), mit seinen 18 Meter Spannweite steure ich in flachen Kreisen der Kontur des Hanges folgend zur noch zarten Wolke wieder nach oben.

Nur nicht zu den Kühen auf die Wiese, ist so früh am Morgen die Devise. Später, so um halb elf, wenn sich die Thermik voll entwickelt, wird es leichter oben zu bleiben. Weiter an die Veitsch, hier kann ich zum ersten mal 2 Meter pro Sekunde Steigen finden und wie im Schnelllift geht es nach hoch. In 2500 Meter lässt das Steigen nach, Westkurs, heute geht es bis in die Schweiz.

Der Hochschwab liegt rechts von mir. Das Fallen zwischen den Aufwinden ist auf Grund des NO Windes stark, aber auf Kurs Richtung Eisenerz bilden sich regelmäßig Wolken die das nächste Steigen anzeigen.

Jetzt beginne ich schnell zu werden. Die Schnittgeschwindigkeit geht schon gegen 80 km/h. Ich habe mich in der Wettereinschätzung nicht getäuscht, die Kaltluft aus der Arktis explodiert förmlich und nach 2 Stunden überflieg ich in 2.900 Meter den Katschberg. Von da bis  Lienz finde ich nur mehr schwache Aufwinde. Die stumpfe Südluft aus dem Klagenfurter Becken ist etwas nach Norden vorgedrungen und dämpft die Thermik. Ich habe eine Menge Höher verbraten. Ich flüchte nach Norden an eine in der Sonne liegende Alm. Dort hoffe ich Aufwind zu finden. Der Almboden kommt näher und näher, knapp vor dem Hang beginnt das Variometer zu piepsen. Es zeigt das Steigen mit Piepsen akustisch an. Den linken Flügel reißt es nach oben. Also er steht links, der Fahrstuhl in die Stratosphäre. Ich lege mich voll nach links. Geistig bin ich schon ein Vogel. Mit zwei kleinen Korrekturen zentriere ich den Aufwind und schieße mit 4 Meter pro Sekunde kreisend nach oben. In 7 Minuten bin ich in Gipfelhöhe des Großglockners. Tschüß Lienz, fast währe ich gelandet. Den Lebensretter-Aufwind verlasse mit 200 Km/h nach Südtirol ins Pustertal.

Links ziehen die Dolomiten  vorbei. Zwischen 2.500 und 3.500 Meter, in der Thermik kreisend geht es nach oben und im Geradeausflug mit 200 Km/h vorwärts. Ich überfliege um 13.00 Uhr Meran. Die Thermik steht in Flugrichtung und so kann ich den Wolken folgend über weite Strecken im Geradeausflug  in 3.500 Meter zwischen 100 und 200 Km/h im Delfinstiel dahinziehen. 

Die optischen Eindrücke eines Bergsteigerlebens schaut der Segelflieger bei einem Überlandflug.  Die Schnittgeschwindigkeit ist auf den letzte 150 km auf 120 Km/h angestiegen. Es sieht gut aus, links der Ortler und rechts die Fundstelle vom Ötzi.

Den Vinschgau rauf und über den Ofenpass, der weit unter mir liegt, in den Engadin.  In St. Moritz wende ich um 14:40 nach NNO Richtung Füssen  im Allgäu, meiner zweiten Wende. Jetzt steht die Thermik in voller Pracht im Engadin. Ich fege mit vollem Speed  über die Bergkämme Richtung Zernetz und Nauders. Verlasse das Inntal bei Landeck nach Norden.

Die Aufwinde stehen kräftig und eine Menge Segelflugzeuge sind unterwegs. Am Funk ist die ganze Schweiz zu hören. Um 16:00 zeigt der Kompass  wieder nach Osten. Es geht zurück zum Spitzerberg. Die Mimmingerkette  liegt in der prallen Sonne und dementsprechend hämmert es.  Die Segelflieger nennen einem guten Tag Hammertag. Nördlich Seefeld vorbei, links die Zugspitze, an den Südhängen des Ahornbodens fliegend lasse ich Innsbruck und die Nordkette rechts von mir. Es kommt der Achensee in Sicht. Die Thermik ist beständig und verlässlich. Ich kreuze das Inntal zum zweiten mal. Der Kurs führt an die Grate östlich des Zillertales Richtung Gerlospass.  

Hoch über dem Plattenkogel begegne ich einem Adlerpaar das,  so wie ich, just for fun, in 3.700 Meter im Aufwind seine Kreise zieht. Die haben ihren Horst da unten irgendwo im Fels. Meiner liegt 370 Km weit im Osten. Über den Pinzgau treibe ich mein weises Geschoß aus Glas und Harz (Glasfasern mit Harz) weiter Richtung Kaprun zum Wiesbachhorn. Es könnte heute gelingen die 1000 Kilometer zu segeln. Ich drehe nach südost Richtung Obertauern. Über den Niedren Tauern wird die Wolkenentwicklung schwächer und ich nehme die Geschwindigkeit zwischen den Aufwinden, in denen ich immer wieder kreisend Höhe gewinne, etwas zurück und werde vorsichtiger. Die Sonne neigt sich schon nach Westen und die Einstrahlung wird schwächer, ich muss die Aufwinde an Felsgraten suchen, auch die schwachen ausnützen um oben zu bleiben.

Ab Trieben muss ich all meine Erfahrung  ausspielen. Ich fliege vorsichtig mit der Geschwindigkeit für das beste Gleiten, in die Eisenerzer Alpen. Die Sonne steht schon tief, die Thermik wird schwach und ich muss mich mit Steigwerten von  0,5 Meter/Sekunde über den Waldrücken begnügen. Über der Turnauer Alm, 100 Meter über den Kühen, der Senner sieht erstaunt zu mir herauf, finde ich noch einen Aufwind. In 2.300 Meter ist er erloschen und ich folge den waldigen Hügeln. Sie erzeugen immer wieder durch das abgeben der gespeicherten Wärme des Waldes Steigzonen. Der Semmering ist in Reichweite. Ich überfliege ihn in 300 Meter. Dem abfallenden Gelände folgend fliege ich ins Wiener Becken, Richtung Eisenstadt.  

Über Neudörfl,  die Außenlandung vor Augen, fahre ich das Triebwerk aus und lasse den Motor an. Der Segelflug ist zu Ende.

Das digitale Flugaufzeichnungssystem mit eingebautem Mikrofon hört das Treibwerk und setzt auf den Höhenspeicher eine Marke. Es hat alle 5 Sekunden meine Position, die Höhe, die Geschwindigkeit und den Lärm aufgezeichnet. Der Motorenlärm markiert das Ende des Segelfluges. Um 20:30 h lande ich wieder am Spitzerberg. Die Adler werden wohl auch schon im Horst hocken. Ein wunderschöner Tag war zu Ende.

Die Auswertung des Fluges ergab eine Segelflugstrecke von 1001 Kilometer mit einer Flugzeit im Segelflug von 10Stunden 03 Minuten und somit über die Strecke eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 100 Km/h. Was für ein toller Flugtag.

Segelfliegen, fliegen wie ein Adler, wir bilden Sie zum Segelflieger aus. Kursprogramm unter 
www.Spitzerberg.at.

Anmerkung:
prop.at wird jetzt nicht auch zur Plattform der 'Großflieger', aber einige Blicke hinüber zu den großen Brüdern hilft für das gegenseitige Verständnis.

Hier findet Ihr das Ausbildungsprogramm des Spitzerberg's:...... weiter

Redaktion prop