Drama in 0,4 Sekunden für 2 Modelle, einen Kollisionspunkt und 2 Müllsäcke. Am Dirigentenpult Meister Diabolo Zufall mit seinem Großen Reaktionszeitorchester. Regie: 2 geschwindigkeitsverliebte machtlose Piloten. Eine Inszenierung der 'Freien Aktionsgemeinschaft: Nie wieder Flugplatzordnung!'
Genug des sarkastischen Scherzes, er soll nur Ihr Interesse wecken.
Der Inhalt des folgenden Artikels beweist, dass plötzliche Kollisionskurse innerhalb ca 0.4 Sekunden bis zum Zusammenstoß nicht mehr änderbar sind. Meinem Wissensstand nach sind modellflugrelevante physiologische und technische(!) Reaktionszeiten noch nicht veröffentlicht worden, die u.a. Zeiten könnten die Erklärung für so manchen scheinbar unerklärlichen Crash beinhalten.
Die Prophylaxe mittels einer eingehaltenen Flugordnung oder ggf. Flugabbruch beim Start von Kapitän Speedy Conzales sind das Mittel der Wahl zu Gesunderhaltung von Modell, Nervenkostüm und Herz. Wir haben beim Modellflug genug Stress, wie durch mehrere Fälle von Herzversagen auf Flugplätzen ausreichend bewiesen ist.
Eine interessante Beobachtung bezüglich Speed- und Adrenalinsüchtiger ist, dass sie überwiegend zur Pflege ihrer Egos Publikum brauchen, somit immer an gutbesuchten Tagen wie Sonntag nachmittags auftauchen und, auch bei Freizeit während der Woche, kaum an den schönsten fluggeeigneten Wochentagen angetroffen werden.
Zum Thema:
Die o.a. 0.4 sec bedeuten bei einer Fluggeschwindigkeit von 144 km/h, gleich 40 m/sec, dass das Modell 16 Meter zurücklegt, bevor das Modell die geringste Ansätze einer Kursänderung nach optischer, noch nicht verarbeiteter Wahrnehmung einer Gefahr zeigt. Zwei 144 km/h-Modelle, die sich auf annähernd Gegenkurs genau begegnen, sind somit noch 32 Meter auseinander, wenn die Piloten ihre letzte Chance vertan haben, einen Ausweichkurs zu steuern. Absolut und endgültig! (Bei einem 72 km/h Modell und 144 km/h Gegenkursflieger sind’s 24 Meter.) Diese 32 Meter sind insofern sehr optimistisch, da sie auf der menschlichen Minimalreaktionszeit von 0.3 Sek. beruhen, die nur bei gespannter Beobachtung eines vorhersehbaren Ereignisses erreicht werden kann.
Beispiel: der Linealfangversuch durch die offenen Finger oder beim 'Lauern' auf den Leichtathletik-Startschuß. Das Erkennen eines auf Kollisionskurs befindlichen Fremdmodells durch das periphäre Sehen, seine Flugweganalyse im Vergleich zum eigenen Modell in irgend einer Fluglage und 'der Schreck, der einem in die Glieder fährt' verlängern diese 0.3 sec. locker auf das Doppelte oder mehr. Der tatsächliche Mindestabstand für ein Manöver des letzten Augenblicks (Großfliegerei: Nach rechts wegdrehen) mit einiger Erfolgsaussicht dürfte bei ca. 60 m aufwärts liegen. Eher mehr, da ja noch bitter jene Strecke benötigt wird, die das Modell nach Beginn der Servobewegungen zum Verlassen des bisherigen Kollisionskurses tatsächlich braucht. Oder zum Erreichen des künftigen, wenn beide Piloten gleichzeitig und -artig hochziehen oder drücken. Die Chance, das Problem per Höhenruder zu bereinigen ist leider auch glücksabhängig. Die große Schwierigkeit dabei ist allerdings, dass man relativ nahe an der Flugebene stehend das gegnerische Modell erfahrungsgemäß frühestens bei einem Abstand von eben ca. 30 m effektiv wahrnimmt -je nach Angriffsrichtung auch viel weniger- und bestenfalls eine kleine Vorwarnung durch das Motorgeräusch vorhanden ist. Bei Blickwechsel auf das andere Modell und wieder retour aufs eigene, ist ohnedies die Chance einer zeitgerechten Steuerreaktion bereits total vertan.
Art und Größe der Reaktionszeiten:
Pilotenbedingte physiologische Gruppe, die Basis sind medizinisch anerkannte Werte wie die Nervenleitgeschwindigkeit von 50-65 m/sec, gleich 20-15 msec/m und 300 msec Mindestreaktionszeit auf erwartete(!!) Ereignisse. Beachten Sie bitte beim weiteren Text, dass bombastisch klingende 20 msec ja tatsächlich in der uns geläufigeren Darstellung nur 2/100 sec sind.
- Auge: bei 25 Bilder/sec =40 msec/Bild, statistischer Mittelwert zum Ereignis 20 msec
- Nervenbahn Auge-Sehzentrum: ca. 10 cm Länge, gekreuzt 2 msec
- Gehirnverarbeitung: optimaler Mindestwert 300 msec
- Nervenbahn Gehirn-Fingermuskel (im Unterarm): ca. 100 cm Länge 20 msec Muskelkontraktionszeit und Fingerbeschleunigungszeit hier vernachlässigt!
Totale physiolog. Zeit: 342 msec Mindestwert !
Flugweg bei 144 km/h: 13.68 Meter bis zur ersten Modellraktion
Fernsteuerungsbedingte Gruppe:
- Zeitverzögerung der Knüppelstellungsverarbeitung im Sender bis zum Aussenden des neuen geänderten Signals, oszilloskop. mit Externtriggerung durch Abziehkontakt am Senderknüppel -alternativ per Programmschalter-und Servomotorspannung gemessen: 26-44msec, Mittelwert 35 msec
- Mechan. Servomotoranlauf: (nur 5/1000) geschätzt 5 msec
- Erreichen von nur 4 Grad Ruderstellungsänderung, Schnellservo, Basis 0.1 sec / 40 Grad: 10 msec (für 10 Grad bereits 25 msec entspr. 1 m Flugweg). Das gilt aber nur für ein 1:1 an das Ruder gekoppelte Servo, bei einer Weguntersetzung von 40Grad Servo auf 10Grad Ruder ist dieser Zeitverlust dann 4 mal größer. Und nochmals um 100% größer bei einem 0.2sec/40Grad Normalservo. Hier gehen servo- und ruderabhängig alleine bis ca. 4m (144km/h) verloren.
- Modellträgheit bis zum Beginn einer adäquaten Fluglagenveränderung optimist. geschätzt: 10 msec (Rotationsbewegungsaufbau)
Totale techn. Zeit: (mind.) 60 msec
Flugweg bei 144 km/h: 2.4 Meter bis Modellreaktion (auch mehr, siehe Punkt 7)
Phys. + techn. Weg: 16.08 Meter bis zum Einsetzen einer entspr. Modellreaktion, innerhalb dieses Flugweges ist der Empfänger nur mehr 'ein zitternder Passagier“!
Bei zwei Modellen auf Kollisionskurs entspricht bei ungefährem Gegenkurs der bereits hoffnungslose rechnerische Abstand daher ca. 32 Meter. Mindestens, siehe oben.
Bei rechtwinkeligem Kollisionskurs ca. 22,4 Meter
Mit diesem Wissen erscheint mir die strikte Einhaltung der Flugplatzordnung als unbedingte Notwendigkeit für die Erhaltung der 'Bodenpersonal“-Gesundheit und der Modelle.
Aus den obigen Angaben kann außerdem das oftmals zu beobachtende Ereignis der Hochgeschwindigkeits-Bodenberührung bei Tiefstflügen und das oft so lässig wirkende späte Hochziehen vor Hindernissen abgeleitet werden. Eine Folge der o.a. Zeitverluste und nicht ein Zeichen der besonderen Leistung eines adrenalingewohnten Superpiloten. Rein technisch gesehen vergehen vom Hirn-Befehl des Piloten an seine Finger ca. 80 msec, gleich 3.2 Meter bei 144 km/h, bis zum Modellreaktionsbeginn !!Optimistisch gerechnet !. Weitere Wegverluste:
bei 72 km/h: 1.6 m; bei Stechflug mit 2 m/sec Vertikalkomponente: 16 cm.
Sollten sich einzelne Zeiten durch zB. eine schnellere Sendertechnologie um beispielhaft 22 msec Frametime verringern, ist die Wegverkürzung anteilsmäßig nur gering, aber u.U. unfallverhindernd.
Diesen Artikel widme ich allen Flugbetriebsverantwortlichen und sicherheitsbewußten Piloten mit guten Wünschen für alle kommenden Flugtage.
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