Klaus W. Salzer

Die unbekannten Freiflugklassen

Wurfgleiter machen nicht nur alten Hasen Spaß, schon die jüngsten können mit ihnen etwas anfangen!

Wenn in Österreich über Freiflugklassen für Wettbewerbe in der Ebene gesprochen wird, werden meist nur die Seglerklasse F1A und die Gummimotorklasse F1B erwähnt, bei Eingeweihten auch noch die Klasse F1C für Verbrennungsmotor-Modelle, und natürlich F1E für den Hangflug.

Der Code Sportif der FAI und die MSO enthalten jedoch noch viele weitere Klassen, die in unseren Nachbarländern beliebt sind, und dort u.a. stark in der Nachwuchsarbeit eingesetzt werden. Sie sollen im folgenden vorgestellt werden und reizen vielleicht den einen oder anderen zu einem Neu- oder Wiederbeginn.

Die Reihenfolge der Vorstellung entspricht der Buchstabenfolge der FAI/MSO (Die hier nicht angeführten Kennbuchstaben beziehen sich auf den Saalflug - ein eigenes Thema!).

F1G - kleine Gummimotormodelle
Auch als CH (Coupe d'Hiver) bekannt stammt diese Klasse aus Frankreich, und wird inzwischen weltweit geflogen. Die Regeln sind einfach: das Modell muss mindestens 70g wiegen, der Gummi maximal 10g. Die Flugzeit bei den 5 Starts ist je 120s.

Gerade die kurze Flugzeit kann diese Klasse für unser Land mit den begrenzten Flächen für Freiflug interessant machen. Die sehr offenen Regeln erlauben dazu eine Fülle von Ansätzen für eigene Entwicklungen. Sowohl kleine, schnell steigende Modelle, als auch große, filigran gebaute Typen mit extrem niedriger Flächenbelastung und entsprechend geringer Sinkgeschwindigkeit werden bei unseren Nachbarn eingesetzt.

Auch technisch bietet sich eine entsprechende Vielfalt: Wie bei F1B werden Fertigmodelle angeboten mit allen technischen Finessen - aber auch ganz einfache Balsamodelle in klassischer Bauart sind konkurrenzfähig. 

F1H - kleine Segelflugmodelle
Auch diese Klasse wird mit 5 Starts zu je 120s geflogen. Die Modelle dürfen einen maximalen Flächeninhalt von 18 dm² haben und müssen mindestens 220g wiegen. Sie werden mit 50m Leine hochgezogen. 

Es ist die einzige Freiflugklasse, für die es Baukästen / Bausätze im allgemeinen Modellbauhandel gibt, obwohl das natürlich keine Hochleistungsmodelle sind. Dank des Interesses anderer Länder hat sich aber auch hier ein Markt für sehr leistungsfähige Fertigmodelle entwickelt.

Ein Einsteigermodell kann fast ohne besondere Technik auskommen (ausgenommen ein Zeitschalter für die Thermikbremse).
Spitzenmodelle entsprechen in ihrer Komplexität fast denen der Klasse F1A mit gesteuertem Kreisschlepp, Schleuderkurve oder gar einem "Bunt". Durch die Beschränkung auf 2min Flugzeit sind jedoch auch die einfachen Modelle durchaus konkurrenzfähig, und die höhere Betriebssicherheit gleicht oft die theoretische Minderleistung aus.

Die in der MSO aufgeführte Klasse KS zielt in die gleiche Richtung, bietet jedoch keine Möglichkeit zu internationalen Vergleichen.

F1J - kleine Motormodelle
Auch dies ist eine der 2-min-Klassen. Eine maximaler Motorhubraum von 1cm³ und ein Mindestgewicht von 160g, gekoppelt mit einer maximalen Motorlaufzeit von 5s sollten dies zu einer für Jugendliche geeigneten Klasse machen, die auch bei den Jugend-Weltmeisterschaften anstelle von F1C geflogen wird. Die Entwicklung der Motoren und der Modelle erforderten jedoch schon eine Reduktion von 10s über 7s auf 5s Motorlauf, und die besten Modelle sind immer noch in der Lage, bei ruhiger Luft über 5min zu fliegen. Noch dazu sind sie aufgrund ihrer geringen Massenträgheit enorm schwierig zu handhaben und gelten als schwerer zu beherrschen als die "großen" F1C-Modelle.

Es werden fast ausschließlich gekaufte Modelle in Kunststoff-Bauweise eingesetzt ... am Anfang mit einer hohen "Sterblichkeits-Rate".

Auf keinen Fall ist dies eine Klasse für Einsteiger!

F1K - CO2-Antrieb
Dies ist die einzige 2-min-Klasse, die in Österreich aktiv ist. An anderer Stelle wird mehr über diese Modellflug-Kategorie zu berichten sein.

F1P - Motormodelle
Diese neue Klasse soll die Nachteile von F1J vermeiden. Ein Tragflächen-Inhalt von maximal 25 dm² (nicht Gesamtfläche wie in allen anderen Klassen) bei einer Maximal-Spannweite von 1.500mm, ein Minimalgewicht von 250g und ein Motorhubraum von maximal 1cm³ mit 7s Laufzeit, sowie das Verbot von mehr als einer Trimm-Änderung im Flug soll zu einem leichter beherrschbaren, für Einsteiger geeigneten Flugmodell führen. Die Regelflugzeit von 3min erfordert aber wieder große Flugfelder.

Im großen und ganzen scheint dieses Konzept auch aufzugehen. Ein "Standard" hat sich in der kurzen Zeit seit Einführung der Klasse noch nicht entwickeln können, und der Einsatz außerhalb der Jugendmeisterschaften ist selten (obwohl offiziell eine Wertung gemeinsam mit F1C erlaubt ist).

In jedem Fall handelt es sich um eine Motorflugklasse, die bei vertretbarem Aufwand viel Freude auch für einen Einsteiger verspricht, und es erlaubt, sich langsam an den Motor-Freiflug mit seinen Besonderheiten zu gewöhnen.

F1Q - Flugmodelle mit Elektromotor
Die neueste "Schöpfung" der CIAM. Für diese Klasse hat man versucht, mit einem Minimum an Vorschriften zu beginnen:
Lediglich das Gewicht der Antriebs-Akkus ist begrenzt auf 120g für NiXX-, und auf 90g für LiXX-Batterien. Die Motorlaufzeit von maximal 25s und eine Flugzeit von 3min sollten sie in die gewohnten Bahnen von F1A/B/C einpassen.

Diese Offenheit scheint aber zum Bumerang zu werden. Die Experten sind sich einig, dass die Leistung heutiger Elektroantriebe weit unterschätz wurde, und ein gut ausgelegtes Modell im Steigflug fast vertikal außer Sicht kommen würde - wenn es gelingt, einen stabilen Steigflug einzutrimmen. Viele Interessenten erwarten daher eine baldige Änderung der Regeln und wollen keine Arbeit in Modelle investieren, die möglicherweise dann nicht mehr erlaubt sind.

Dennoch existiert eine lebendige Weltcup-Wertung, und wir hoffen auf steigende Teilnehmerzahlen. Die Tendenz bei der CIAM ist, Änderungen so zu setzten, dass existierende Modelle ohne große Änderungen weiter benutzt werden können.

Gerade für RC-Flieger, die sich für eine neue Herausforderung interessieren, kann diese Klasse ein reiches Betätigungsfeld bieten. Aus dem RC-Sektor sind die für den Antrieb erforderlichen Elemente bekannt und mühelos zu bekommen. Eine Modifikation existierender Motor-Freiflugmodelle für diese Antriebsart ist recht einfach, besonders weil die Hauptprobleme des Verbrennungsmotors (Vibration und Öl) entfallen und die Strukturen entsprechend vereinfacht werden können. Also: frisch ans Werk!

Ist das der ganze Freiflug?

Natürlich nicht! Nur ist das alles, für das in der FAI und der MSO Regeln enthalten sind. Darüber hinaus sind kaum Grenzen gesetzt.
Sehr beliebt und weit verbreitet ist z.B. die Klasse P30 - Gummimotor mit max. 10g, keine Abmesssung größer als 30 Zoll (ca. 75cm), und ein "kommerziell" (was immer das ist) erhältlicher Plastik-Propeller, Flugzeit 2min. Eine speziell für Anfänger und Einsteiger vorgesehene Kategorie.

Nicht zu unterschätzen sind auch Wurf- und Katapultgleiter. Zwar fängt das mit vorgefertigten Gleitern aus Bausätzen an - Experten können aber mit diesen Modellen Flugleistungen erreichen, die verblüffend sind. Und wer auf eine Thermikbremse verzichtet, sollte einen ausreichenden Vorrat an Modellen dabei haben! Da die gerade Wurfbewegung (ähnlich dem Speerwurf) mit den nur wenige Gramm wiegenden Modellen leicht zu Muskelzerrungen führt, wird auch im Freiflug bereits mit dem Diskuswurf experimentiert. Die RC-Flieger wissen, wie genau in der Wurfphase getrimmt werden muss, ohne Eingriff einer Fernsteuerung scheint es unmöglich zu sein, aber es geht! Und zwar nicht nur mit Zeitschalter-Steuerung, sonder auch rein aerodynamisch.

Und wer nicht werfen will, nimmt ein Gummiband zum Katapultstart - gerade für die kleinsten ein besonderer Spaß, und für die großen ein billiges Vergnügen.
Selbst Düsenantriebe werden im Freiflug eingesetzt. Allerdings nicht die großen Jet-Antriebe, die im RC-Flug benutzt werden, sondern kleine Feststoff-Einheiten mit wenigen p Schubkraft.

Oder man baut alte Modelle nach, und getraut sich, sie auch - wie früher - ohne Funkfernsteuerung zu fliegen. Oder man baut naturgetreu - mit oder ohne Antrieb, klein oder groß, aber auch hier ungesteuert.

Denn gibt es etwas schöneres, als der eigenen Modell-Schöpfung zuzuschauen, wie sie ganz alleine dem Spiel des Windes folgt, in der Thermik kreist, Turbulenz ohne menschlichen Eingriff ausreitet - da macht man gerne die paar Schritte mehr um dieses Wunderwerk zurückzuholen!

Und weiter?
Leider gibt es zur Zeit - noch - keine für diese Klassen ausgeschriebenen Wettbewerbe in Österreich. Ich finde dies bedauerlich. Wenn sich Interessenten bei mir melden bin ich aber zuversichtlich, dass ein Zusammentreffen, ein gemeinsames Fliegen und auch Wettbewerbe veranstaltet werden können. Vielleicht schaffen wir es auf diesem Weg auch, wieder einige Jugendliche für unseren Sport zu gewinnen.